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Der Rasensprenger: Kommt und seht!

Dezember 9, 2010
mario

 

Seitenstetten, Admont und Schloss Hof - Herbstrunde durch restaurierte historische Gärten

Vor etwas mehr als 20 Jahren folgten der Entdeckung historischer Gärten in ganz Europa Wellen von zum Teil sehr aufwändigen Restaurierungen und Rekonstruktionen. Unter denkmalschützerischer Aufsicht wurde versucht, äußere Formen herrschaftlicher Anlagen, die meisten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, wiederherzustellen.
Interessante Experimente  wie Het Loo (Holland, 1984) und Privy Garden, Hampton Court (England, 1995) erregten über Fachkreise hinaus international Aufmerksamkeit und gewannen touristische Anziehungkraft. Davon angeregte Projekte wie Heligan Garden und Eden Project in England wurden zu Sensationserfolgen mit Hunderttausenden Besuchern jährlich.
Mit Verspätung wurde auch Österreich von dieser Bewegung erfasst. Die „Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H musste, nach ursprünglichen Versuchen, das Schloss getrennt vom Garten zu betreiben, einsehen, dass diese eine untrennbare künstlerische Einheit bilden und somit gemeinsam wichtiger Bestandteil des Kaiser- und Sisi-Business sind. Das Bundesdenkmalamt bekam einen Gartendozenten, private Vereine und Lobbies entstanden. In den Bundesländern wurden, natürlich vorrangig unter touristischen Gesichtspunkten, beträchtliche Mittel aktiviert. Politiker ergriffen die Chance, sich mit Blumen, „grünen“ Ratgeberpostillen und Gartenmessen inclusive Blasmusik zu inszenieren. Der Begriff „Schaugärten“ als weiteste Klammer zwischen Biogemüse und historischen Gärten wurde zur gemeinsamen Marke.
Der so aufgebaute Krawalltourismus erzeugte dann auch genau jenen Druck, der jedes künstlerische Argument unter zeitgeistige ökonomische „Sachzwänge“ stellte. Darüber hinaus instrumentierten ArchitektInnen, JournalistInnen und die Platzhirsche der Garten-Centers die historischen Gartenreste für ihre jeweiligen Interessen und Gefühlsreisen ins „Paradies“.
Die Handlungsanleitung für all diese Retro-Fans bildete die vom Internationalen Komitee für Historische Gärten ICOMOS-IFLA beschlossene Charta von Florenz. In Artikel und Kapitel fein gegliedert, werden Maßnahmen und Ziele für eine bestimmte Erhaltungsform beschrieben. Zu lesen ist vom „lebenden Denkmal“, das in  „…einem bestimmten Zustand erhalten werden müsse“, weiters von „zyklischer Erneuerung“, von „den Himmel spiegelndem Wasser“, aber auch wörtlich vom „Paradies“ (siehe oben). Eine österreichische Version dieser Charta nennt sich gar „Katechismus der Gartendenkmalpflege“!
Nach so viel Wissenschaft und noch mehr öffentlichem Geld und Vereinsmeierei sollten nun, einige Jahre später, die Gärten selbst zeigen, wohin der Geist dieser Art von Erhaltung oder Schutz geführt hat. Also machte ich mich im Herbst 2010 auf eine Lustreise nach Seitenstetten, Admont und Schloss Hof.
Hofgarten des Benediktinerstifts Seitenstetten, NÖ, Restaurierung und Neugestaltung 1996
Ein prächtiges barockes Tor steht offen – Schmiedeeisen, Wappengold und steinerne Vasen empfangen mich. Doch schon nach dem ersten Schritt über die Schwelle befinde ich mich am Vorplatz eines Kleingartenvereins: Auf einer modernen Metallstele glänzt stolz das Motto „Kommt und seht!“, gleich daneben, schräg über dem ersten desolaten Mistkübel, als Gruß des Landes NÖ, zeigt ein Schild einen lächelnden Igel im frischen Löwenzahn – „Natur und Garten / Schaugarten“. Zweiter Mistkübel. Dann eine Reihe von Belehrungs- und Informationstafeln… Am Plastikgestell wird Respekt für den Ort eingemahnt, er wäre ein Ort der Stille, der „Kleine Gartenknigge“ vervollständigt die Instruktionen. Ein zweidimensionaler Dalmatinerhund teilt mit, er werde draußen warten. Zwei Getränkeautomaten Typ Fußballkantine, ein vergilbter Hofgartenplan. Die Spendenskulptur, bestehend aus alter Brunnenpumpe, Gießkanne und Manderl mit Spaten, will gefüttert werden – „Der Garten wird für Sie erhalten!“ – also Spende. Fort aus der Info-Idylle!
Spaziergang über das historisierende Rasen-Parterre, laut Plan erst 19. dann 18.Jahrhundert. Buchseinfassung, alte Obstbäume. Eine bescheidene Fontäne spielt über einem Becken freundliches Wasser. Die Spalierbäume sowie viele der Buchse sind leider von Krankheit gezeichnet, es fehlt deutlich an Pflege. Die Gärtnermannschaft ist offensichtlich ganz mit den Blumenrabatten weiter hinten ausgelastet, dort kann sich das Ergebnis auch sehen lassen: Üppig blühende Herbststauden rahmen Fernblicke über die Hügel des Mostviertels. Augenblicke später baut sich vor mir unerbittlich erneut Schaugartenrealität auf. Die Abfolge von „Kreativgarten“, „Jausengarten“, „Urlaubs(!)garten“ und „Plaudergarten“ erzeugt Varianten von visuellem Krach. War da nicht eine Tafel mit „Ort der Stille“, „Klostergarten“ oder so?
Nächste Station: Vor zwei alten Eiben stehen einige Reihen nummerierter ehemaliger Kinoklappstühle auf dem Rasen. Zwischen den beiden Bäumen eine klägliche Heiligenfigur, Kerzen. Wie ist diese gestalterische Schande möglich, nur 300 Meter entfernt von den Fresken Altomontes und Trogers im Stift? Hat denn hier niemand Augen im Kopf, ein Mindestmaß an Kultur?
Als weitere Gartenkreation fesselt mich das Rosenkranzlabyrinth. Die Tafel zitiert die Jahrtausende alte Geschichte des Labyrinths, gefolgt von einer Anleitung: „Gönnen Sie sich und anderen eine Labyrinthmeditation in Stille und beaufsichtigen Sie bitte Kinder in diesem Sinne…“ Reine Sozialheiterkeit. „Im Zentrum angekommen heben Sie das rechte Bein, neigen sich gen Osten, sprechen dreimal mutabor und Sie werden schon sehen…“ – das fällt wohl nur mir dazu ein.
Benediktinerstift Admont, Steiermark, Außenanlagen. Neugestaltung 1996-98
Der Parkplatz am Südrand der Anlage wurde dem Garten irgendwie abgezwickt und soll nun möglichst schnell hinter allerlei Gärtnerei-Grün unsichtbar werden. Nach dem „Autoboskett“ öffnet sich der weite Raum an der mächtigen Ostfront des Stiftes. Vor dem imposanten Felspanorama der Haller Mauern im Norden liegen mehr oder weniger disparat der Stiftsteich, der historisierende Kräutergarten, Sportfelder und der von alten Bäumen bestandene Konventgarten. 
Auch hier kommt nach der großen Ouvertüre mit dem Spaziergang die Ernüchterung. Den deutlichsten Pflegebeitrag zeichnet leider nur der Motormäher in die Rasenflächen. So wie im Kräutergarten die auf Schildern in feiner Schrift unter Wappen beanspruchte gärtnerische Meisterschaft und pflegerische Zuwendung fehlen, wirkt auch das Sportfeld vernachlässigt. Verloren stehen zwei Torgestänge auf dem großen Rasen, deuten einen Fußballplatz an. Weit hinaus jagt eine kleine Horde Stiftsschüler den Ball. Den gerade unbeschäftigten Tormann frage ich, wo denn das Netz wäre, die weißen Linien für sein Tor, den Strafraum, das Out?
Kurze Antwort: „Waaß i net!“ Nur das Leiberl eines Stürmers lässt die bunte Pracht der Sportwelt ahnen: Blau-rot gestreift, an der Brust ein Wappen, am Rücken große Buchstaben MESSI. Wieso repräsentiert dieses riesige Feld, der Sportgarten Hunderter Schüler so gar nichts von der sinnlichen Kraft des Spiels, draußen in Spanien, Holland, Brasilien? Wie könnte diese Gartenpartie aussehen, wenn Gartenkunst so Ernst genommen würde wie die Himmelsbilder oben in der triumphalen größten Klosterbibliothek der Welt? Wie sähe der Kräutergarten aus, wenn er wirklich den Geist klösterlicher Ordnung spiegelte?
Schloss Hof, Marchfeld, NÖ. Restaurierung / Rekonstruktion 2003-05
Schon viele Kilometer vor Schloss Hof gibt die Beschilderung an der Bundesstraße einen Eindruck vom beachtlichen Werbebudget der zum „Erlebnis“ erweiterten Rekonstruktion. Eingeladen wird in den Garten des Prinzen, ins kaiserliche Festschloss, in die Barockwelt, zu Events und Locations sonder Zahl. Allerdings mahnt schon am Parkplatz ein riesiges Transparent vor überzogenen Erwartungen: „Fürstin sein, das wäre fein, Fürstin kann nicht jede sein. H.C.Artmann“
Nach den Barrieren und Versuchungen von Kassa, „Patisserie Prinz Eugen“ und der reichen Auswahl an attraktiven Geschenkartikeln und Souvenirs stärke ich mich am Stand der regionalen Produkte noch mit einer feinen Tiroler Schokolade. Der Gartenrundgang unserer angenehm kleinen Gruppe wird von einer souveränen, freundlichen Führerin geleitet. Wir hören zahllose Details: Was einmal war, was nun schon wieder alles getan wurde, was noch alles kommen wird… noch authentischer, noch barocker, noch erlebnisreicher. Sieben Terrassen. Auf den ersten Terrassen herrscht noch „Fast-Barock“, je weiter wir uns vom Schloss entfernen, desto billiger die realisierten Ideen. Am Ende statt historischer Boskette nur noch ein Freigehege für Wisente, nach Beratung durch Tiergartendirektor Pechlaner. Peter Alexander hätte vielleicht zu einer sprudelnden Forellenanlage geraten, DJ Ötzi zu einem Anton-Felsgärtlein. Was Wisent und Trampeltier im Garten des Prinzen verloren haben, kann wohl nur das Denkmalamt erklären… Wahrscheinlich hat es mit dem „Paradies“ der Charta von Florenz zu tun.
Den Abschluss des Rundgangs bildet der Besuch des Orangeriegartens, zu dem ein rekonstruiertes Glashaus gehört. Journalisten wurde – ganz im Sinn touristischer Superlative –  diese teure Dekoration als „älteste Orangerie Europas“ präsentiert. Historische Tatsache hingegen ist, dass Prinz Eugen schon in früher Jugend Festbesucher in der weit größeren Orangerie in Versailles war. Für wie dumm muss man Touristen eigentlich verkaufen, um Fehlinvestitionen zu beschönigen? Den überschwänglichen ökonomischen Erwartungen der Restaurierung, gestützt auf falsche Einschätzungen von Nostalgieexperten, Gartenarchäologen und Zoologen stand bald die Rechnungshofgewissheit gegenüber, dass Schloss Hof wohl immer am Subventionstropf hängen wird! 
Ende der Herbstreise… Aber der Himmel war echt blau!
Fazit
Nur wenige Jahre nach der Restaurierung zeigt der Zustand der Gärten eine bestürzende Mattigkeit, pflegerische Unzulänglichkeit und, wie eine Notblüte, populistische Anbiederung. Ein Garten sollte mit den Jahren wachsen, blühen, reicher werden! Die Erosion der mit großer denkmalerischer Geste vorgetragenen Behauptungen vom historischen Stellenwert wird immer deutlicher sichtbar und weicht einer umfassenden Hilflosigkeit in der zeitgenössischen Nutzung. Wenn schon kaiserlich, so sind hauptsächlich des Kaisers neue Kleider zu sehen.
Keiner der Verantwortlichen, schon gar nicht einer des Denkmalamtes weiß, was mit einem auf 18. Jahrhundert aufgeschminkten Garten zu tun wäre. Nicht nur für die 56 besonders geschützten oder die etwa 1700 registrierten historischen Gärten in Österreich stellt sich die Existenzfrage. Sie betrifft Tausende Anlagen und somit viele Quadratkilometer in ganz Europa. Einige „Supertanker“ wie Versailles oder Schönbrunn können vom und für den Massentourismus gut überleben, dazu noch einige weitere in zentraler städtischer Lage wie das Wiener Belvedere oder die Tuilerien in Paris. Für alle anderen wird der Abschied von der Illusion kommen, sie könnten in den „Originalzustand“ versetzt und darin für immer erhalten werden. Somit steht man vor der  Herausforderung, neue Formen von kreativem Denkmalschutz zu entwickeln.
Was ist schief gelaufen in Seitenstetten und zahllosen anderen Gärten?
Dazu müsste man sich nochmals grundsätzlich fragen, was ein historischer Garten eigentlich ist, welcher Art diese ererbten Grünräume sind, deren älteste noch aus der Renaissance stammen. Zur Verdeutlichung dieses Problems dazu nochmals die Charta von Florenz, deren Unbrauchbarkeit sich am deutlichsten in dem Kapitel Benutzung erweist: „Zwar ist jeder historische Garten dafür gedacht, betrachtet und betreten zu werden“ (?), „Nach Wesen und Bestimmung ist der historische Garten ein ruhiger Ort der Naturbegegnung, Stille und Gelegenheit zur Naturbeobachtung…“ (ganz so, als hätte Louis XIV. Versailles zur Beobachtung von Eichhörnchen angelegt), „… die ausnahmsweise Nutzung als Ort eines Festes“,  „… die Atmosphäre der Anlage gewahrt bleibt“ (mit oder ohne Touristen, Jogger, Autos und Flugzeuge?). Eine Friedhofsordnung scheint für das „Paradies“ doch eher ungeeignet!
Im Zentrum des alten Europa gibt es in Stadt und Land keine gestaltende Aktion mehr, der nicht eine visionslose Form des Denkmalschutzes als dominante lenkende Kraft engste Grenzen setzt. Über Fünfzigerjahre-Hochhäuser und Cafés, rostige Dampfloks, KZ-Gelände, ja ganze Gemeinden (Hallstatt) oder Regionen wachen Chefideologen eines staatlichen Zentralamtes. Die dabei entstehenden Verwerfungen und Verkrüppelungen zeigt das aktuelle Menetekel – der Wiener Westbahnhof: Ein architektonisch mittelmäßiges Verkehrsbauwerk der Wiederaufbauzeit darf nicht mehr abgerissen werden und muss daher ein Geschäftszentrum umhüllen. Der Bahnhof verliert dadurch jede ursprüngliche Qualität, er wird mit Shoppingspielen und Zeichen überfrachtet, das Gerippe hingegen wird mit höchstem Handwerks- und Materialaufwand in einen Originalzustand „neu-versetzt“, während von außen zwei ungeschlachte Blöcke Investorenarchitektur die einst den Europaplatz dominierende Halle erdrücken. Wehe dem, der dieses Ergebnis nicht als beschämendes Endzeitmonument erkennt! Vor kurzem platzten so genannte Immobilienblasen, das Platzen der Denkmalblase ist überfällig!
An der Universität für angewandte Kunst Wien haben Forschungsarbeiten der Klasse für Landschaftsdesign in mehreren Projekten gezeigt, wie sich die Neunutzung historischer herrschaftlicher Gärten in der demokratischen Gesellschaft entwickeln könnte.
Historische Gärten sind lebende, sich mit den Jahreszeiten und den Jahren, feuchten und trockenen, in Blütenpracht und Eisregen, unter Festen und Revolutionen verändernde Kunstwerke. Sie sind Raum gewordene Legenden, die immer wieder neu erzählt werden müssen. Ihre Qualität hängt daher von der zeitgenössischen künstlerischen Überlieferung ab. Eine schlecht erzählte Legende verblasst, gut erzählt nimmt sie an Strahlkraft zu. Statisch interpretiert, als Denkmal, wird ein Garten zum Fossil. 
„Kunstgärten“ sind singuläre, größenwahnsinnige oder verspielte Schöpfungen und müssen als eigene Werke, Film, Theater, Lyrik oder lebender Musik näher verwandt als der Architektur, verstanden werden. Ihr bester Schutz ist die Integration in Rhythmen der Gegenwart. Der entscheidende Faktor für eine vitale Zukunft jedoch ist die Kunst, sie lebt von der permanenten Neubewertung, von der Neusicht des Erbes. Nur umfassende künstlerische Analyse schafft die Brücke von Alt zu Neu.
Gegenwart ist die stärkste Kraft des Gartens! 
Jedem „Kunstgarten“ liegt eine zentrale Idee zu Grunde. Sie ist fast immer Jahrhunderte alt, war vielleicht einmal Weltmodell, politisches Programm, Theater der Götter und Menschen… sie ist verblasst. Historiker können sie benennen, ihr aber kein neues Leben einhauchen. Es ist eine echte Herausforderung für Künstler, die Fragmente zu bewerten, den Ort zu erneuern, das gesamte Gefüge wieder lesbar zu machen und das Spannungsfeld „Kunstgarten“ neu in Szene zu setzen. Dies braucht neben der Wahrung der Substanz eine Kernidee aus der Gegenwart, die stark genug sein muss, um den bestehenden künstlerischen, sozialen und wirtschaftlichen Ansprüchen standzuhalten. Kommunikationstechnologien, Geschwindigkeit, Sport oder Biologie bieten bisher unausgelotete Möglichkeiten für die Weiterentwicklung von „Kunstgärten“. 
Wenn wir große Gärten als Kunstwerke respektieren, reicht es nicht, dass sie von Managern geführt werden! So wie jedes Theater einen Intendanten hat, jeder Film von einem Regisseur inszeniert wird, braucht ein „Kunstgarten“ für seine Entwicklung und sein Programm in führender Position eines Teams den „künstlerischen Gartenintendanten“. So gesehen kann ein Garten nicht nur Avantgarde sein, wie es Tim Richardson in seinem Buch „AvantGardeners“ (Verlag DVA, 2009) darstellt – die Entdeckung des langsamen Gartens ist das neue Medium im Beschleunigungsrausch der Gegenwart.
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