Unterwegs nach Syrakus: Der Pilgerweg – die klassischen Landschaften und der Alptraum
Es ist etwas Geheimnisvolles, dass Landschaften, die schließlich nichts dafür können, dass es dich gibt, (…) dennoch etwas von dem ausdrücken, was du empfindest, denn wenn das nicht so wäre, würdest du nichts von dem empfinden, was du siehst. Cees Nooteboom
Im Frühjahr 2010 ist Alena Urbankova wieder unterwegs, von Padua nach Rom. Es steht die Option offen, von Rom die Reise nach Sizilien fortzusetzen. Das Wetter hält sich nicht an die Jahreszeit, es regnet und schneit bis weit nach Ostern, bis tief in den Süden.
Die Route setzt sich abschnittsweise zusammen aus der Originalroute von Seume, aus meinen eigenen Wünschen und Vorlieben nach Orten und Landschaften, aus der Möglichkeit nach vorhandenen Karten zu gehen und immer wieder aus Änderungen entsprechend den vorgefundenen Gegebenheiten. So erreiche ich oft Orte, die nicht geplant, nirgends beschrieben und in ihrer Einfachheit und Bedeutungslosigkeit wahre Schätze sind. Die Probleme mit den unzugänglichen Feld- und Waldwegen und damit notwendigen Umwegen setzten sich fort. Immer wieder viele Stunden am Asphalt, auf ruhigen Landstraßen oder im ärgsten Verkehr. Irgendwo im Nebel Begegnung mit einem – auf dem ganzen Weg bis Rom einzigen – Wanderer, einem jungen Spanier, kommend von Sizilien. Autostoppen auf der Strada Romea, Laufen im Sand der Adriaküste entlang, Suchen nach Weg in einem von Sturmschäden undurchdringlichen Wald. Einige Tage auf der Via Francigena, einem alten Pilgerweg nach Rom, ausnahmsweise gut beschildert, abseits der großen Straßen und Touristenrummelplätze. Durch herrlichste Olivenhaine und Blumenwiesen.
Wie auf einer Perlenschnur klappere ich all die berühmten Stätten der Kunstgeschichte ab und schwanke zwischen Enttäuschung und Begeisterung: Wo ist eine Kirche, die eine Kirche ist und kein Museum? Versus: Gibt es Worte in Anbetracht solcher Schönheit? Mosaiken, Malereien – immer mehr verschmelzen die Bilder der Landschaft: die im Kopf, beeinflusst von all den Beschreibungen der humanistischen Reisenden, die auf den Tafel- und Wandbildern von Giotto, Lorenzetti, Zuccari…, mit denen, die ich heute tatsächlich durchquere, mit denen des Apennin. Mir wird bewusst, wie sehr diese „klassischen Landschaften“, „das Land, in dem Zitronen blühen“, in unseren Vorstellungen für die „Ideallandschaft“ stehen.
Aber keine Zeit für Träume, die Realität ist gnadenlos: chaotischer Verkehr, planlose Verbauung, auswuchernde Stadtränder mit Müll, Industrie und gigantischen Einkaufszentren – auch „Kinolandschaften“, jedoch die Verbrechen werden nie aufgeklärt. Die Wucht ist umso größer, stehen die lieblichen, blumengeschmückten mittelalterlichen und am Reißbrett geplanten Renaissance-Städte mit ihren romantischen Winkeln und architektonischer Harmonie unmittelbar daneben. Paradoxum am Rande: Ich kann keine mittelalterlichen Gemäuer mehr sehen, keine Kirchen, keine Buchs gesäumten Wege, ich sehne mich nach moderner Architektur, nach klarem „italienischen“ Design!
Die letzten zwei Tage auf der Via Trionfale: Zwei Tage Asphalt, höllischer Verkehr, enge Kurven, rasende Lastwagen und Autobusse, heulende Motorräder, Zäune, Mauern, keine Nebenstraße, kein Winkel zum Ausweichen, blumengeschmückte Gedenkstätten von tödlich Verunglückten, die einzige Pause auf einer Tankstelle, Überqueren der Autobahn, irgendwann sitze ich unter den Kolonnaden am Petersplatz – wie bin ich hierher gekommen?
Zu Fuß.




Ich wünsche noch viel Kilometer mit Sonne, ohne kläffende Hunde, genug Abstand einhaltende LKW-Fahrer, Kraft aus gutem Wein, Begegnungen mit hübschen und aufgeschlossenen Menschen. Nur nicht den Horizont aus dem Blick verlieren.